Von Gertrud Schubert

 

WartbergKidz

Der Auftritt im Musical macht selbstbewusst und selbstvergessen zugleich. Die Jugendlichen schlüpfen in Rollen, ihr schwieriger Alltag verschwindet.

Foto: Brian Bailey


Heilbronn - Fast wäre es nichts geworden mit der West Side Story an der Wartbergschule. Die Aufführungsrechte fehlten. Das große Projekt drohte kurz vor der Zielgeraden zu scheitern. Ein Jahr Tanzen, Singen, Textelernen - alles umsonst? Da haben die Lehrer das berühmte Musical vom Broadway einfach umgeschrieben. Und alles war gut, Happy End inklusive.

Osts und Hawaiis So verliebt sich - wie manchmal im wirklichen Leben - ein Junge aus dem noblen Heilbronner Osten in ein Mädchen aus dem Industriegebiet Hawaii. Ort des Geschehens: die Wartbergschule. Die Akteure heißen wie das Musical "Wartbergkidz". So wollten die Hüter der Aufführungsrechte nichts mehr wissen von dem Projekt, das die Ganztagsschule mit dem Theater Heilbronn auf die Beine stellte.
Zwei umjubelte Aufführungen boten die 60 Hauptschüler Ende vergangener Woche. Wie wild klatschte das Publikum, als Theaterlehrerin Simone Jörg, Bühnenbauer Professor Thomas Pekny und ihrem ganzen Team am Premierenabend in der neuen Sporthalle ein Preis verliehen wurde. Sie hatten sich mit ihrer Musicalproduktion und Videodokumentation am Wettbewerb "Junge Künstler braucht das Land" beteiligt und als eine von zwölf Schulen in Baden-Württemberg den Preis und 4500 Euro für ihre Aufführung gewonnen.
Das Stück Da stehen sich die verfeindeten Cliquen gegenüber und brüllen sich auf der von hohem Ballfanggitter und Gerüst eingesperrten Bühne Schimpfwörter zu, die sie sonst in ihrer Schule nicht in den Mund nehmen dürfen. Rührend die Begegnung der Verliebten Dana (Rachele Falanga) und Phil (Ali Anwar). Begeisternd der heilige Ernst der Akteure. Ihre Tanzkunst. Ihr Staunen über das eigene Können. Ihre Freude an lautem Singen. "I feel pretty", "Maria", "I want to be in America", die Bernstein-Evergreens werden die Wartbergkidz immer im Kopf haben.
Moral inklusive Und vielleicht auch die Moral der Geschichte, die ihnen die Lehrer in die selbstgeschriebene Aufführung geschmuggelt haben: "Zum Umgang miteinander gehört der Verzicht auf körperliche Gewalt und Beleidigungen", Satz 1 der Schulordnung, die jedes Wartbergkid kennen muss. Die Regel hätte schon Shakespeares Romeo und Julia und Tony und Maria aus der West Side Story zu einer glückvollen Liebesgeschichte verholfen.